Als Metallica (beinahe) Bonnie Tyler frikassierte
Liebe Ehemänner und -frauen da draußen! Die Geschichten aus der Reihe “Das (Ehe)Leben ist kein Ponyschlecken” sind eine Liebeserklärung an Euch und Eure skurrilen Marotten. Denn es sind die Brüche in Euren Persönlichkeiten, Eure unvorhersehbaren Handlungen und oft auch unverständlichen Worte, die unserem Alltags(Ehe)grau Farbe verleihen. Wir lieben Euch trotzdem oder vielleicht sogar deshalb. Und umgekehrt - hoffen wir - ist es genauso.
Als Metallica (beinahe) Bonnie Tyler frikassierte
Prolog:
Berti ist ein Held. Spaghettisultan ist er keiner.
Wir wohnen in „der besonderen Stadt im Wienerwald“, deren Besonderheit sich durchs Hinhören erschließt: Da rauscht der Wald, da quietschen die Schwerlastzüge und da spielen zahlreiche MusikerInnen.
Ende August werden die ortsansässigen Musikanten regelmäßig von Weltstars am Hauptplatz verdrängt. Ganz Wien, also alle, die seit den 80-ern am gemeinen Ohrwurm leiden, kommen dann zu uns an die Peripherie. Wir sind eine kleine Stadt mit einem begeisterten Publikum. Gestern Wembley oder sagen wir Stadthalle, heute der Hauptplatz der „besonderen Stadt im Wienerwald“, ja, that’s life! Wie es bei einem dieser Konzerte zur Beinahe-Schlägerei zwischen Metallica und Bonnie Tyler kam, was der damals 5-jährige Leo und eine Dauerwelle damit zu tun hatten, lesen Sie hier:
Als Metallica (beinahe) Bonnie Tyler frikassierte
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Bei uns spielten sie schon alle auf: Rainhard Fendrich (der konnte zu Fuß kommen), die EAV (die hatten es nicht weit), Wolfgang Ambros (der hatte es ein bisschen weiter), Umberto Tozzi, Jimmy Cliff, das Electric Light Orchestra und - halten Sie sich fest - Bonnie Tyler. Weil diese Events lustig sind, gehen wir hin, mein Mann gleichzeitig in die innere Emigration.
Er, der juvenile Heavy Metaller, teilt seine vier Wände mit mir, unserem Sohn und einem Haufen verhaltensauffälliger Ex-Junkies und Ex-Alkoholiker, kurz: Metallica, AC/DC, Audioslave und Co. Und es verwundert nicht, dass unser Sproß ein Instrument spielt. Welches? Dreimal dürfen Sie raten … richtig! Schlagzeug! (Habe ich erwähnt, dass wir in einer Wohnung wohnen?)
Mein Musikgeschmack ist, zugegeben, ausbaufähig, aber allgemein verträglich, so fand ich zum Beispiel Bonnie Tyler immer schon super. Bonnie Tyler! Was für eine Stimme, was für eine Frau! „I’m holding out for a hero“, der Soundtrack zum Kino-Blockbuster „Streets of Flames“ aus den 80-ern. Viel Feuer, Staubmäntel, viel Geballere, mehr weiß ich nicht mehr, war wahrscheinlich auch nicht. Aber super. Ich liebe dieses Lied und das ist tatsächlich ernst gemeint. Offenbar auch von Frau Tyler, seit 40 Jahren schleudert sie den verzweifelten Ruf nach einem richtigen Mann ins Publikum hinein statt hinter die Bühne, wo sich Herr Tyler aufhält. Kein Wunder: der Mann trägt Feinripp statt stählernen Muskelfleisches.
Aber ich bin abgeschwoft … zurück zum Anfang: Da diese Konzerte am Hauptplatz gratis und deshalb stets gut besucht sind, kommen wir relativ knapp vor Beginn, weil wir nicht so lang herumstehen wollen. Wir setzen unseren Sohn auf Papas Schultern und mit vielen „Gestatten“, „Entschuldigung“ und „Verzeihung“ bahnen wir unseren Weg bis direkt vor die Bühne. Ja, das ist unfair, aber effizient. Bis jetzt.
Offenbar stand sich eine Vielzahl eingefleischter Bonnie Tyler Fans bereits seit dem Vormittag Löcher in den Bauch und fand unser freches Vorpreschen diskussionswürdig. Es wurde kommentiert, beanstandet und missbilligt, wobei man uns gute Ratschläge in Sachen Kindererziehung mit auf den Weg gab. Die musikalische Darbietung sei nämlich gänzlich ungeeignet für Kinderohren, wir sollten den Kleinen besser mit Mozart erquicken und uns insgesamt schnell schleichen. Dieser Ratschlag kam von einem Herrn mit vorne kurzem, hinten langem Haupthaar inklusive Dauerwelle, was soll ich Ihnen sagen. Der Mann faszinierte mich in seiner fehlerlosen Aufmachung, von Kopf bis Fuß original 80er Jahre. Ich vermute, er war die letzten 40 Jahre in Trockeneis konserviert, um sich dann, wenn the one and only Bonnie Tyler ein Gratiskonzert am Hauptplatz gab, stilbewusst der Nostalgie hinzugeben. Neben ihm ein jüngerer Herr mit gegeltem Pony, imposantem Rosenkranz um den Hals und perfektem Lidstrich, der sich empörte, statt der heiß ersehnten Bonnie fortan den süßen, aber ungleich uninteressanteren Rücken unseres Sohnes betrachten zu dürfen.
Ich war feig, das Pflaster wurde mir zu heiß und ich raunte meinem Mann zu, die „Streets of Flames“ schnellstmöglich zu verlassen. Doch das Unheil nahm bereits seinen Lauf, denn in Sachen Kindererziehung versteht mein Mann keinen Spaß. Ich hatte an anderer Stelle schon mal erwähnt, dass es doch einiger Anstrengung bedarf, meinen Mann aus der Reserve zu locken, doch dem Herrn mit der originellen Frisur gelang es auf Anhieb.
Während Leo mit Schutzkopfhörern interessiert das für ihn unhörbare Krisengespräch aus der zweiten Etage beobachtete, konnte er AUCH nicht sehen, wie ein gefährliches Feuer in den Augen seines Vaters zu lodern begann und dieser seinem Kontrahenten „straight from the heart“ ein „Wir kennan a ausse gehn!“ entgegenschmetterte. Wie bitte? Hatte da mein verbindlicher Bussibär-Mann, der Traum aller Schwiegermütter, dem Disco-Fox tatsächlich eine Watschn angedroht? Ich war nicht sicher, ob ich angesichts der skurrilen Szene in schallendes Gelächter ausbrechen oder den Polizeinotruf wählen sollte. In Panik versuchte ich die Kampftechniken der 80er Jahre zu erinnern und einzuschätzen, was das nun für meinen Mann bedeutete, aber der Vokuhila kam mir zuvor. Mit einem „Wos wüst denn du, du Spaghettisultan!“ beendete er abrupt das Gepluster der Kampfhähne. Seine Haartracht hatte uns den Blick auf den massiven Körper darunter verstellt.
Woraufhin wir uns trotz der uns innewohnenden Heavy Metal-Kraft und selbstverständlich wegen des anwesenden Kindes dezent zurückzogen. Die arme Bonnie hielt übrigens bei der Zugabe noch einmal Ausschau nach ihrem Hero. Ich hatte meinen schon gefunden.
Ihr habt auch so einen Berti/Lotti/Leo zu Hause? Oder seid es selbst? Erzählt mir Eure Geschichte, gerne schreibe ich sie auf und veröffentliche Eure skurrile Liebeserklärung hier in FROHLOTTE’s Alltagsperlen!
karin.holzer@sternschanze.at